Auswirkungen der Corona-Krise im Münchener Lebensmittelhandel

Überdauern Einkaufstrends Krisensituationen?

Die Corona-Krise stellt sich vor allem als eine Krise der Innenstadt dar. Dort gingen die Frequenzen während der Einschränkungen des öffentlichen Lebens besonders zurück. Gleichzeitig griff vor Corona gerade im Lebensmittelhandel der Trend zur Urbanisierung. Während sich Nahversorger früher lieber in Randlagen in Form großer Zentren ansiedelten, prägen spezielle, an die Flächenknappheit angepasste Verkaufsformate zunehmend die Lebensqualität in den Wohnquartieren. Sie stehen für das, was der Kunde von heute möchte: kurze Wege für den häufigen, flexiblen Einkauf.

Wie Nahversorger den Trend zukünftig stärker für sich nutzen können und was Kommunen dafür tun können, um mit ihrer Hilfe Wohnquartiere attraktiver zu machen, das haben wir im vergangenen Jahr mit der Studie „Die Reurbanisierung des Lebensmitteleinzelhandels“ in Kooperation mit den Partnern BFW und Lidl gezeigt.

Doch ist die Corona-Krise eine Disruption für das veränderte Einkaufs- und Mobilitätsverhalten der Kunden, oder wird der Trend zur zentrumsnahen Nahversorgung weitergehen? In einer Folgeuntersuchung zu unserer Studie haben wir dafür 1.006 Probanden aus München zu ihren Präferenzen während der vier Phasen der Corona-Pandemie befragt: In der Prä-Covid-Phase, in der Hamster-Phase (nachdem erste Bewegungseinschränkungen griffen), während des Shutdowns von Geschäften ohne Nahversorgungsfunktion und - rein hypothetisch - in der Phase, nachdem Corona z.B. durch eine Impfung keine wesentlichen Einschränkungen mehr erfordert.

Abbildung: Die verschiedenen Phasen der Corona-Pandemie:


Interessant ist etwa die Frage, wie viele Menschen während der Einschränkungen für den Lebensmitteleinkauf lieber im Internet bestellten: Zwar haben bereits vor der Corona-Pandemie 20 Prozent der Stadtbewohner in Deutschland Lebensmittel regelmäßig online gekauft – in München waren es sogar 28 %. Während des Lockdowns gingen die Werte jedoch reflexartig nach oben um dann wieder stark abzusinken. Festzuhalten bleibt, dass Corona dem Online-Lebensmittelhandel mit Sicherheit einen Schub gegeben hat: Der Anteil der Online-Käufer von Lebensmitteln stieg um 2,9 %. Angesichts der bisher geringen Marktdurchdringung und der hinter jedem Prozentpunkt stehenden Volumina (Lebensmitteleinkäufe sind nun mal groß und schwer) ist eine solche Steigerung innerhalb weniger Wochen beachtlich.  

Seit einigen Jahren schon kann beobachtet werden, dass die Qualität der Produkte gegenüber ihrem Preis für die Kunden deutlich an Bedeutung gewonnen hat. In den beiden Alarmphasen der Corona-Pandemie sank diese Bedeutung etwas. Die Kunden geben jedoch an „nach Corona“ noch mehr auf die Qualität achten zu wollen. Gleiches gilt für die Regionalität der Lebensmittel, die in der Alarmphase keine große Rolle zu spielen schien, mittlerweile jedoch wieder stark nachgefragt ist.

Schon vor Corona sind die Menschen in München mehrheitlich nicht mit dem Pkw zum Lebensmitteleinkauf gefahren. Dennoch hat sich gezeigt, dass Parkplätze gerade für ältere Menschen noch immer wichtig sind. Überraschend ist, dass sowohl das Fahrrad als auch der eigene Pkw sowie der ÖPNV in den Alarmphasen als Fortbewegungsmittel verloren haben. Während wir erwartet haben, dass der PKW in der Krise an Bedeutung gewinnt, war das Gegenteil der Fall. Der ÖPNV wird auch aktuell noch immer gemieden. Das Fahrrad hingegen hat spät, dafür aber massiv an Bedeutung gewonnen. Der Einkauf zu Fuß ist allerdings der eindeutige Gewinner und nach Einschätzung der Befragten wird dies auch so bleiben.

Die Einkaufshäufigkeit im Lebensmitteleinzelhandel ist seit Jahren rückläufig – Kunden, die zu Fuß einkaufen kommen jedoch häufiger als PKW-Kunden. Während der Alarmphasen jedoch nahm der Teil der Befragten, die nur einmal pro Woche einkaufen gehen, auch in München deutlich zu. Der Wert wird nach Einschätzung der Kunden auch nach den Alarmphasen nicht mehr auf das Ausgangsniveau zurückkehren. Der Durchschnittsbon je Einkauf ist dafür folgerichtig gewachsen.

Danach gefragt, nach welchen Kriterien die Kunden ihren Nahversorger während den Alarmphasen aussuchten, traten alle klassischen Faktoren (z. B. die Erreichbarkeit des Geschäfts) in den Hintergrund. Stärker sorgten sich die Kunden um die Größe und die Kundendichte in den Läden, wohl vor allem aus Angst vor einer Ansteckung. Gleichzeit kauften aber auch viele Menschen im eigenen Wohnumfeld ein, sie fuhren also nicht zum größten verfügbaren Laden durch die Stadt.

Abbildung: Besonders wichtige Sicherheitsaspekte beim Lebensmitteleinkauf bei den Befragten: „Wodurch fühlen Sie sich sicherer/unsicherer beim Einkauf?“


Das machte sich auch bei der Wahl der Betriebstypen bemerkbar. Großflächenkonzepte wie SB-Warenhäuser konnten während der Alarmphasen nicht profitieren. Stattdessen bevorzugten die Kunden ihre „guten Nachbarn“, was auch daran lag, dass Anbieter wie Lidl die Hygienemaßnahmen in den Geschäften den Kunden sehr gut Kunden kommuniziert haben.

Unser Fazit: Trotz der massiven Corona-Einschränkungen lässt sich keine wesentliche Verhaltensänderung der Kunden in puncto Nahversorgung feststellen. Der stationäre Handel bleibt mit Abstand der wichtigste Kanal für den Lebensmitteleinkauf in unseren Innenstädten. Der Online-Lebensmitteleinzelhandel wurde in der Krise zwar verstärkt nachgefragt, konnte aber die Erwartungen oft nicht erfüllen. Während der Alarmphasen der Pandemie zeigt sich zwar, dass die Preissensibilität stieg. Langfristig zeichnet sich jedoch ab, dass der Preis allein nicht das entscheidende Einkaufskriterium ist.

Ebenfalls beim Alten bleibt, dass der Einkauf zu Fuß den Münchnern immer wichtiger wird. Die unmittelbare Nähe zum Kunden ist ein entscheidender Erfolgsfaktor und ein Qualitätsmerkmal guter Nahversorgung. Breite Gänge, ein großzügiger Eingangsbereich, viele Kassen und eine große Fläche sind den Kunden für ihr Sicherheitsgefühl wichtig. Diese Faktoren werden auch nach Corona eine große Rolle spielen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die München möchten Ihre Lebensmittel möglichst zu Fuß und nahe an der Wohnung kaufen. Dabei sollte der Laden dann möglichst groß sein. Diesen Zielkonflikt aufzulösen bleibt die spannende Herausforderung für die Städte und die Immobilienwirtschaft.