Studie

Struktur- und Marktdaten: Corona hat den deutschen Einzelhandel weiter verändert

Mär 2021
2020 war ein Ausnahmejahr. Die Corona-Pandemie hat alles verändert und bislang geltende Regeln, Verhaltensweisen sowie Konsum- und Kaufgewohnheiten auf den Kopf gestellt – größtenteils bis heute.

Das gilt in besonderem Maße für den Einzelhandel, der sich wie nie zuvor in (teils überraschende) Gewinner und Verlierer aufteilt: Allen voran haben Lebensmittelmärkte, Fahrradhändler und Baumärkte das Rennen gemacht – auch deshalb, weil sie während des Lockdowns im Frühjahr geöffnet bleiben konnten.

In der aktuellen Studie zu Struktur- und Marktdaten im Einzelhandel hat sich die BBE Handelsberatung GmbH im Auftrag des bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie intensiv mit weiteren Gründen für die unterschiedlichen Umsatzentwicklungen beschäftigt. So hat der Lebensmittel- und Drogeriehandel während des ersten Lockdowns massiv von den sogenannten Hamsterkäufen der Kunden im Frühjahr profitiert. Ebenso hat das vermehrte Homeoffice mit zum überdurchschnittlichen Umsatzerfolg beigetragen: Wer von zu Hause aus arbeitete, entdeckte das heimische Kochen für sich und gab mehr Geld für Lebensmittel im Supermarkt in der Nachbarschaft aus – und nicht mehr im Restaurant in der Innenstadt.

Baumärkte und Garten-Center legten laut BBE-Studie ebenfalls kräftig beim Umsatz zu. In die Selbstisolation gezwungen, haben viele Menschen im vergangenen Jahr damit begonnen, Haus und Garten zu verschönern. Dieser Trend zum „Do-it-your-self“ wird auch in diesem Jahr bleiben: Denn private Treffen werden viel eher wieder möglich sein als Massenveranstaltungen. Da will man sein Zuhause von der besten Seite zeigen. Dazu gehören auch neue Möbel. Vor allem Kleinmöbel, die das Homeoffice erleichtern, und Küchen haben sich 2020 als Wachstumsfelder bewiesen. Diesem „Cocooning“-Trend gegenüber steht der Fahrradhandel als Leitbild für Bewegung. Schon seit Jahren im Aufwärtstrend durch die wachsende Begeisterung für das E-Bike hat der Verbraucher seine Liebe zum Radeln nochmals bekräftigt und im vergangenen Jahr für hohe Verkaufszahlen gesorgt.

Andere Branchen mussten hingegen Umsatzverluste hinnehmen. Häufig deshalb, weil sie über Monate hinweg geschlossen blieben. Besonders hart traf es den Bekleidungshandel. 2020 sank der Umsatz in einer Größenordnung von 25 bis 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Schon vor Corona hatte die Mode- und Schuhbranche – das Herzstück vieler Innenstädte und Shopping-Center – mit strukturellen Problemen zu kämpfen, die durch Corona noch verstärkt wurden. Dass immer mehr Kunden häufiger das Online-Geschäft nutzen, setzt die stationären Mode- und Schuhanbieter unter Druck. In Zeiten, in denen jeder zusätzliche menschliche Kontakt Risiken für die eigene Gesundheit birgt, hat sich das noch verschärft.

Allerdings gibt es auch Fachhändler, die sowohl im Lockdown durch verstärkten Online-Kauf als auch später bei Wiedereröffnung der Ladenlokale profitieren konnten – zum Beispiel der Sportfachhandel: Zunächst wurden im Frühjahr vormals weniger umsatzstarke Produkte wie Home-Fitnessgeräte gekauft, später Laufschuhe, weil sich aufgrund geschlossener Fitnessstudios wieder mehr Menschen aufs Joggen in heimischen Gefilden besannen. Wie nachhaltig dieser Trend ist, bleibt abzuwarten – ebenso wie bei vielen anderen vermeintlichen Krisengewinnern wie etwa der Unterhaltungselektronik, die möglicherweise nur den Nachholbedarf vieler privater Haushalte gedeckt hat, die bis zur Corona-Krise über wenige Laptops, Webcams oder Monitore verfügten.

Einzelhandelsdaten von 2019 als solide Grundlage für planrechtliche Entscheidungen

Zurzeit kann niemand prognostizieren, wie sich das Kauf- und Konsumverhalten der Menschen nach überstandener Pandemie entwickeln wird. Werden die „Nonliner“ dabei bleiben? Also diejenigen, die aus Prinzip nicht virtuell shoppen, aber angesichts der Pandemie möglicherweise erste Berührungspunkte mit digitalen Verkaufskanälen hatten. Hält der Käuferboom bei Produkten des Garten- oder Bastelbedarfs an? Wie viele Kleinmöbel und Wohnaccessoires werden noch gekauft, sobald uneingeschränktes Reisen wieder möglich ist? Wird die Kluft zwischen den stationären Gewinnern (Lebensmittel-, Fahrrad-, Bau-/Gartenmärkte) und Verlierern (Mode-, Textil- und Schuhhändler) größer werden?

Vor dem Hintergrund dieser noch nicht zu beantwortenden Fragen ist es ratsam, die Einzelhandelsdaten von 2020 isoliert zu betrachten und nicht als Grundlage für langfristige landesplanerische Überlegungen heranzuziehen. Geht es um künftige Großprojekte im Einzelhandel, über die Genehmigungsbehörden wie etwa Bezirksregierungen oder Ministerien zu entscheiden haben, ist es unabdingbar, sich nicht auf Daten einer Ausnahmesituation zu verlassen, sondern sich auf zuverlässige und sachgerechte Daten zu stützen.

Deshalb knüpft die aktuelle BBE-Studie explizit an die Ergebnisse der vorangegangenen Studie aus dem Jahr 2017 an – und arbeitet mit den Einzelhandelszahlen aus dem Jahr 2019 an der Teilfortschreibung einzelner Branchen. Auf dieser Basis ist der zusätzliche Entwicklungsraum für stationär wachsende Branchen gerechtfertigt. Beispielsweise können Fahrradhändler größere Verkaufsflächen realisieren, die sie benötigen, um sowohl der wachsenden Nachfrage als auch der Vielzahl unterschiedlicher Produkttypen nachzukommen. Gleichzeitig werden schrumpfende Branchen aber nicht benachteiligt, weil ihre Ergebnisse nicht aktualisiert werden.



Pandemie-Effekte: Akzeleration, Selektion, Retention

Die Corona-Pandemie ist eine Zäsur für den deutschen Einzelhandel. Dabei geht es nicht nur um sinkende oder steigende Umsätze, sondern vor allem um verändertes Kundenverhalten. Die Sorge vor Ansteckung mit dem Virus hat viele Verbraucher verstärkt auf die Online-Kanäle gelenkt. Das hat die Frequenzzahlen in innerstädtischen Einkaufslagen und Shopping-Centern einbrechen lassen. In Bayern gilt beispielsweise: Je stärker und attraktiver eine Stadt vor Corona als Einkaufs- und Tourismus-Magnet galt, desto heftig war der Frequenzeinbruch. München ist im Ranking von Hystreet von der ersten auf die letzte Position abgerutscht, weil die bayerische Landeshauptstadt prozentual gesehen mit bis zu 95 Prozent am meisten Frequenz verloren hat.
Diese Entwicklung zeigt deutlich die Dimension der noch anhaltenden Krise, mit der allem drei Effekte einhergehen:

Akzeleration (Beschleunigung) – Konjunkturkrisen beschleunigen gesellschaftliche Trends.

Selektion (unterschiedliche Betroffenheit) – der stationäre Handel ist unterschiedlich von der Krise betroffen. Die Kluft zwischen Gewinnern wie den Lebensmittel-, Fahrrad-, Bau-/Gartenmärkten und Verlierern wie der Bekleidungs- und Schuhbranche wird größer.

Retention (Entwicklungspfad) – es gibt Branchen, die haben durch die Pandemie wachsen können. Wer aber schon vor Corona in strukturellen Schwierigkeiten steckte und eine negative Prognose hatte, konnte von der Pandemie nicht profitieren.



Hier geht es zum Download der Struktur- und Marktdaten des Einzelhandels für Bayern.

 

Ansprechpartner

Markus Wotruba

Leiter Standortforschung München
Brienner Str. 45,
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