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Auswirkungen für den grenznahen Handel: Wenn die Geografie zur Hypothek wird

Jul 2021
Der Einzelhandel in grenznahen Städten profitiert für gewöhnlich überproportional von der Kundschaft aus dem Ausland. Corona hatte dem monatelang ein Ende bereitet. Was sonst als Garant für wirtschaftlichen Erfolg gilt, ist jetzt für Umsatzeinbußen verantwortlich.

Wochenlang bleiben die Grenzen zu. Nicht nur im Süden, sondern auch in allen anderen Himmelsrichtungen. Nur wessen Arbeitskraft dringend gebraucht wird, durfte morgens rein und musste abends so schnell wie möglich wieder raus. Der Einkauf für den täglichen Bedarf im Nachbarland war gestrichen, vom Shoppen in einem der grenznahen Einkaufscenter durfte man nur noch träumen, genauso wie vom Bummel durch die Innenstadt von z. B. Weil am Rhein oder Lörrach. Und auch als sich die Grenzen im vergangenen Jahr wieder öffneten, war das für den Einzelhandel in den Städten, der für gewöhnlich von Shopping-Touristen überflutet wird, nur eine kurzfristige positive Entwicklung. Denn im Winter 2020/21 waren die Grenzen wieder zu. In Städten wie Konstanz am Bodensee oder Waldshut-Tiengen, wo sich sonst Shopping-Kundschaft durch die Zentren schieben, herrschte gähnende Leere.

Der größtenteils geschlossene Einzelhandel verlor massiv Umsätze. Etwa im schleswig-holsteinischen Harrislee, einer Gemeinde mit gerade einmal knapp 12.000 Einwohnern, die am westlichen Ufer der Flensburger Förde liegt und von deren Gemeindegebiet aus gleich zwei Grenzübergänge nach Dänemark führen: Padborg und Kupfermühle. Händler an der deutsch-dänischen Grenze gingen im Mai 2020 von Umsatzverlusten zwischen 80 und 85 Prozent aus. Der Bürgermeister von Harrislee befürchtete Mindereinnahmen in Höhe von 2,3 Millionen Euro. Denn der Anteil des Grenzhandels am Gewerbesteueraufkommen der Gemeinde machte zwischen 40 und 50 Prozent aus. Bis Corona den Handel einbremste, hatte man für 2020 mit Gewerbesteuereinnahmen von acht Millionen Euro kalkuliert.

Zwar kam der Handel bei Grenzöffnung nach dem ersten Lockdown wieder in Gang und die in Deutschland gesenkte Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent lockte anfangs noch mehr Dänen nach Harrislee. Aber der nächste Lockdown dämmte die anfängliche Euphorie, dass bald alles wieder so läuft wie vor Corona: Die Dänen kamen in Scharen in die sogenannten Grenzshops, die sich der dänischen, aber auch skandinavischen Klientel auf Durchreise angepasst haben. Denn Harrislee liegt gerade einmal fünf Minuten von der nach Norden führenden A 7 und der Abfahrt Flensburg-Harrislee entfernt. Und in Harrislee gibt es alles, was hoch im Norden sündhaft teuer ist, sehr viel günstiger und auch beliebte Produkte, die es in Skandinavien nicht zu kaufen gibt. Der vergleichsweise niedrigen Mehrwertsteuer sei Dank. Vor allem Spirituosen, Wein, Sekt und Süßigkeiten sind der Renner.

Dieser kleine Grenzhandel hat, neben den spezialisierten Händlern in peripheren Lagen, aber auch einen ‚Überschwappeffekt‘ auf z.B. die Innenstadt von Flensburg, wo die Dänen, die im Grenzhandel Lebensmittel kaufen auch noch Bummel gehen oder die Gastronomie aufsuchen. Insofern dürften vor allem auch die Innenstadthändler in den grenznahen Städten hoffen, jetzt wieder mehr ausländische Kunden begrüßen zu können. Wie groß der wirtschaftliche Schaden, den Corona in den Grenzgebieten angerichtet hat, wirklich ist, werden wir vermutlich erst ermessen können, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist. Die BBE geht aber davon aus, dass langfristig die Grenzstädte zu alter Stärke zurückfinden werden, sobald der Einzelhandelstourismus wieder unbegrenzt möglich ist.

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Die Dreiländerbrücke in Weil am Rhein. (Bild: Erich Westendarp/Pixabay)
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