Wohnungen über Supermärkten: Patentrezept gegen Wohnungsnot?

„Außerhalb der Großstädte, wo die Wohnungsnot geringer ist, gibt es keinen Grund, über Supermärkten Wohnungen zu bauen.“ – Sagt Jörg Lehnerdt, Leiter Standortforschung bei der BBE Handelsberatung in Köln.

Gemischt genutzte Quartiere sind derzeit in aller Munde. Könnte das Wohnen über dem Supermarkt eine Lösung für die deutschlandweite Wohnungsnot sein?

Lehnerdt:Grundsätzlich ist die Idee sehr faszinierend und kann zur Linderung der Not in den Großstädten beitragen. Was die Erfolgschancen außerhalb der Großstädte betrifft, bin ich eher skeptisch. Denn ein Teil der urbanen Expansionsstrategie von Nahversorgern ist es, strategisch wichtige Standorte zu besetzen, um auf diese Weise den Wettbewerbern zuvorzukommen. Das gilt aber nur für die Großstädte, in denen der Einzelhandel verstärkt in Konkurrenz zur Wohnnutzung steht. Das Wohnen über dem Supermarkt ist daher ideal, um beides zu kombinieren. Die Nahversorger ziehen gewissermaßen mit den Menschen zurück in die Städte. Außerhalb der Großstädte, wo die Wohnungsnot geringer ist, gibt es keinen Grund, auf Supermärkten Wohnungen zu bauen.

Trotzdem findet das neue Konzept viel Beachtung.

Lehnerdt: Die gemischte Nutzung von Wohnen und Einzelhandel ist nicht wirklich neu. In Großstädten wie Berlin gab es das schon öfter. Neu sind vor allem die veränderten Flächenkonzepte der Nahversorger, mit denen sie in die Innenstädten vordringen. Viele Formate erfüllen gerade einmal die Mindestflächenanforderungen und in einigen Fällen nicht einmal das. Es gibt Läden, die stark verwinkelt und „verrenkt“ sind, um sich selbst in die kleinste Baulücke hineinzwängen zu können. Das Sortiment in den Filialen ist in diesen Fällen oft sehr stark beschränkt und auf Convenience-Produkte zum Mitnehmen und schnellen Verzehr fokussiert.

Mittlerweile verfügen alle großen Nahversorger neben ihren stationären Geschäften über Onlineshops. Machen sie sich damit nicht selbst Konkurrenz? Schließlich wollte man mit der Bewegung in die Zentren ursprünglich den Online-Händlern zuvorkommen.

Lehnerdt: Klassische Nahversorger haben erkannt, dass auch sie sich dem Trend zum Einkaufen im Internet nicht verweigern können und – was vielleicht noch viel wichtiger ist – dass Online- und Offline-Handel nicht notwendigerweise im Widerspruch zueinander stehen. Tatsächlich werden mit Multichannel-Konzepten sowohl online als auch auf der Handelsfläche Kunden gewonnen. Die Kunden wandern schließlich nicht einfach ins Internet ab, nur weil es einen Onlineshop gibt. Vielmehr bestärken sich beide Einkaufswelten gegenseitig, etwa wenn der Kunde sich online über Verfügbarkeit und Preis eines Produkts informiert, das er dann offline im Laden kauft. Hinzu kommt, dass man das Online- und Offline-Angebot gerade im Nahversorgungsbereich sehr gut und mit einem Mehrwert für den Kunden kombinieren kann. Die Filiale ist vorteilhaft für den Verkauf von Frischeprodukten wie Fleisch oder Obst und Gemüse. Diese Produkte kauft der Kunde nur, wenn er dem Händler vertraut und dazu muss er sie sensorisch wahrnehmen können. Hinzu kommen besagte Convenience- und Lifestyle-Produkte, die der Kunde noch am gleichen Tag konsumieren will. Der Lieferservice wird hingegen oft für weniger verderbliche Waren genutzt, für die Kunden aber eine große Auswahl an Marken und Angeboten haben wollen.

Sie haben erwähnt, dass die Flächenkonzepte der Nahversorger sehr stark angepasst werden, um in die Städte zu gelangen. Wo sehen Sie die Grenzen dieser Anstrengungen?

Lehnerdt: Mischnutzungen lassen sich selbstredend nicht überall realisieren, auch nicht mit innovativen Flächenkonzepten. Rein auf fußläufige Kundschaft zu setzen, kommt beispielsweise nur in bestimmten Lagen infrage, in denen es eine ideale Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr gibt. Hinzu kommt, dass es auch zukünftig PKW-affine Kunden geben wird, für die Parkplätze geschaffen werden müssen. Eine Tiefgarage lässt sich jedoch nicht unter jedes Wohnhaus bauen. Und dann gibt es natürlich jene Wohnquartiere, in denen die Ansiedlung von Nahversorgern aus gesamtplanerischer Sicht schlicht unzulässig ist. Es gibt allerdings auch Trends, die eine Mischnutzung zukünftig noch attraktiver machen könnten, als sie für die Handelsunternehmen ohnehin schon ist.

Zum Beispiel?

Lehnerdt: Elektromobilität ist derzeit ein großes Thema. Wenn der Lieferverkehr in den Innenstädten dadurch leiser und abgasfrei wird, dürfte das die Akzeptanz von Mischnutzungen bei Anwohnern und Stadtplanern deutlich erhöhen. Mit einer gewissen Spannung erwarte ich auch die weitere Entwicklung der City-Logistik, die den Warenverkehr deutlich flexibler und smarter machen möchte. Trends wie diese könnten dafür sorgen, dass plötzlich Filialstandorte attraktiv werden, an die vorher keiner gedacht hat.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ansprechpartner:
Jörg Lehnerdt

BBE Handelsberatung Köln
Goltsteinstraße 87a
50968 Köln

Tel: +49 221 78941-161
Fax: +49 221 78941-169
E-Mail: lehnerdt@bbe.de