Shopping-Center in Ramallah/Westjordanland: Wenn Shopping zum Politikum wird

Bei der Entwicklung von Einkaufszentren sind üblicherweise lediglich die Hürden der jeweiligen bau- und planungsrechtlichen Gesetzgebung zu überwinden. Im Großraum Jerusalem/Ramallah kommen auf Investoren und sogar auch Besucher noch ganz andere Herausforderungen zu.

So hat die Eröffnung der „Atarot Shopping Mall‘‘ eines israelischen Unternehmers in Ost-Jerusalem, unmittelbar am berühmt-berüchtigten Checkpoint Qalandiya, zu einem wahren Shopping-Center-Entwicklungsboom in der palästinensischen Nachbarstadt Ramallah geführt.

Ramallah verfügt als Interimshauptstadt der palästinensischen Autonomiegebiete nach offiziellen Angaben gerade einmal über rd. 35.000 Einwohner, der Großraum umfasst rd. 160.000 Menschen. Laut Schätzungen der UN dürften in dem Ballungsraum jedoch deutlich mehr als 600.000 Menschen leben. Tendenz steigend. Das Westjordanland weist eine der höchsten Geburtenraten weltweit auf. Der Bevölkerungsanteil der unter 30-jährigen liegt bei knapp 35 Prozent. Und wie überall auf der Welt nutzen die jungen Menschen die digitalen Kommunikationskanäle Facebook, Instagram, Whatsapp und Co. und sind damit bestens mit der modernen Konsumwelt verlinkt.

Die Einkaufsrealität vor Ort zeigt sich jedoch bislang in einem 'trüben Schein'. Zwar existieren in der palästinensischen Hauptstadt Ramallah eine Reihe von Shopping-Centern, wie z.B. die „Nijmeh Mall‘‘, das „Plaza Shopping Center‘‘ oder die im Jahr 2018 eröffnete „Ramallah Mall‘‘. Alle Center entsprechen jedoch nur sehr bedingt den modernen, westlichen Konsumentenansprüchen und weisen in ihrer Besatzstruktur nur regional agierende Anbieter/Labels auf. Auch die Realisierung einer ersten modern und luxuriös gestalteten Einkaufsdestination („Bir Zeit Shopping Mall‘‘) durch den palästinensischen Investor Bayyari Investments, in einem kaufkraft-starken Vorort von Ramallah, scheiterte kläglich: das Center steht nahezu komplett leer. „Die Gründe hierfür liegen zum einen in der mangelhaften Bindung von internationalen, zugkräftigen Anbietern, die sich scheuen in den Autonomiegebieten zu investieren. Zum anderen bevorzugen die einkommensstarken Bevölkerungsschichten vor Ort die leistungsstarken Einkaufscenter im rd. 20 km entfernten Ost-Jerusalem‘‘, resümiert Andreas Weidmann, Senior Consultant bei der BBE Handelsberatung im Büro Hamburg.

In dieser überwiegend durch Palästinenser bewohnten Stadthälfte hat der israelische Unternehmer Rami Levy, der gleichzeitig Inhaber der drittgrößten israelischen Supermarktkette ist, Anfang 2019 die „Atarot Mall‘‘ eröffnet. Das Objekt mit einem Investitionsvolumen von rd. 50 Mio. Euro und einer Mietfläche von rd. 30.000 qm befindet sich unmittelbar am Grenzübergang Qalandiya an der Staatsstraße 60, die die nördlich gelegenen Autonomiegebiete mit dem Großraum Jerusalem verbindet. Damit zielt der israelische Geschäftsmann in seiner Kundenansprache auf die einkommensstarken Bevölkerungsschichten im Großraum Ramallah ab und hat damit auf Seiten der palästinensischen Autonomiebehörde ein „politisches Erdbeben“ ausgelöst.

Obwohl der Unternehmer in seinem Shopping-Center über 50 Prozent Palästinenser beschäftigt und damit als wichtiger Arbeitgeber fungiert, hat der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, das Geschäftsobjekt als Nakba‘ (Katastrophe) bezeichnet. Weidmann: „Damit spielt er bewusst auf die als Nakba benannte Vertreibung von rd. 700.000 arabischstämmigen Palästinensern aus den ehemaligen britischen Mandatsgebieten an. Hochrangige Vertreter der Fatah-Organisation gingen sogar soweit, palästinensischen Besuchern der „Atarot Mall‘‘ vorzuwerfen, das Vaterland zu verraten und damit die israelische Siedlungspolitik zu unterstützten. Auf solche Vergehen steht im Westjordanland die Todesstrafe.‘‘

Als Gegenreaktion hat die palästinensische Regierung den Startschuss für die Entwicklung mehrerer Shopping-Center-Projekte im Großraum Ramallah gegeben. Als prestigeträchtigstes Objekt ist dabei die Eröffnung des Einkaufscenters „Q-Center‘‘ in der Planstadt Rawabi zu nennen, die derzeit über rd. 4.000 Einwohner verfügt und später einmal bis zu 40.000 Menschen beherbergen soll. Mit einem angegliederten Entertainment- und Büropark umfasst der Gebäudekomplex rd. 150.000 qm Mietfläche und beinhaltet rd. 100 international agierende Filialisten wie z.B. Boss, Lacoste, Armani, Timberland, Mango oder Swarovski. Die Investitionskosten von rd. 400 Mio. Euro wurden alleine durch den palästinensischen Milliardär Bashar Masri aufgebracht. Die palästinensische Autonomiebehörde hat sich, trotzt milliardenschwerer internationaler Hilfsgelder, nicht finanziell beteiligt.

Auch die beiden Center-Projekte „Mall of Palestine‘‘  (6-geschossiges Einkaufszentrum mit rd. 60.000 qm GLA) sowie „Centro Mall‘‘ (rd. 70.000 qm GLA inkl. Meeresaquarium) werden zu 100 Prozent durch Privatinvestitionen palästinensischer Unternehmer finanziert.

Während die „Mall of Palestine‘‘ bereits im Februar 2019 in einem Nobel-Vorort von Ramallah eröffnet wurde und primär auf die kleine, wirtschaftliche Elite des Landes ausgerichtet ist, liegt die derzeit noch im Bau befindliche „Centro Mall‘‘ im Zentrum von Ramallah. Damit würden zum ersten Mal der durchschnittliche palästinensische Konsument und insbesondere auch die überproportional vertretenen jüngeren Bevölkerungsschichten ein modernes Shopping-Center westlicher Ausprägung im Herzen der Interimshauptstadt erhalten. Der angestrebte Mietermix der projektierten „Centro Mall‘‘ setzt dabei bewusst auf ein konsumig ausgerichtetes Angebot mit international agierenden Filialisten (u.a. H & M, Mango) im unteren Preissegment ohne Luxuslabels. Weidmann: „Die Zukunft wird zeigen, inwieweit sich derartige Geschäftsmodelle im Westjordanland wirtschaftlich nachhaltig betreiben lassen. Denn die palästinensischen Autonomiegebiete unterliegen nach wie vor Handelsrestriktionen sowie Steuerregelungen des Staates Israel. Und damit besteht kein Zugang zum freien Markt.‘‘

Ansprechpartner
Andreas Weidmann

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