Innenstädte: Attraktiv für Handel und Kunden?

Kurz vor dem Weihnachtsfest gibt sich der Einzelhandel bekanntlich optimistisch. Schließlich sollen Spielzeuge, Lebensmittel und anderen Produkte dann wieder für Leuchten in den Kinderaugen sorgen. Ein kurzer Rückblick auf die vergangenen Jahre verheißt allerdings wenig Gutes: Dem HDE zufolge war nur noch jeder dritte stationäre Händler im letzten Jahr mit den Umsätzen im Weihnachtsgeschäft zufrieden, besonders groß war die Not in den kleineren Städten jenseits der prominenten Einkaufsstraßen in den Metropolen.

Die Neuordnung des Einzelhandels – sie nimmt immer konkretere Züge an.  Längst ist klar, dass es einige Händler und Handelsstandorte es sehr schwer haben werden, in der neuen Einzelhandelswelt zurechtzukommen. Und das macht sich auch räumlich bemerkbar. Zwar stehen mittlerweile auch 1A-Lagen in den Metropolen unter stärkerem Druck. Die Lage ist aber nicht vergleichbar mit den Leerständen und Standortschließungen, die in vielen kleineren Städten und Gemeinden drohen – besonders im mittelständischen, nicht-filialisierten Einzelhandel.

Die Wettbewerbsintensität und der hohe Druck auf die Gewinnsituation der Händler mögen sich zwar verschärfen. Mit der Digitalisierung des Handels allein – wie oft suggeriert – ist die Problemsituation in den Kleinstädten jedoch nur unzureichend beschrieben. Hinter dem Strukturwandel des Handels steckt mehr als das Bestellen im Internet. Hinzu kommen andere gesellschaftliche Trendfaktoren wie demografische Wanderungsbewegungen vom Land in die Städte oder ein verändertes Mobilitätsverhalten der Verbraucher, die immer distanzsensibler werden. Dass der Handel in den kleineren Kommunen schwierigere Bedingungen vorfindet als in den Ballungszentren, hat allerdings auch mit hausgemachten Fehlern aus der Vergangenheit zu tun, die bis heute nachwirken.  

Planerisch als besonders verheerend hat sich die räumliche Verlagerung der für den Handel besonders wichtigen Nahversorgung in die Randlagen erwiesen. Supermärkte und Drogerien, einst zentral gelegene Frequenzmagneten, sind mit der Zeit unisono an die Ortsränder gezogen. Mit dem Auto sind sie dort zwar gut zu erreichen. Parkplätze gibt es ebenfalls genug und wer ist nicht dankbar dafür, auf dem Heimweg von der Arbeit noch schnell die Einkäufe erledigen zu können? Gelitten haben darunter jedoch die Innenstädte, die aus Sicht der Anwohner und vieler Pendler für den täglichen Versorgungseinkauf schlicht nicht mehr attraktiv waren.

Heute lassen sich – je nachdem, in welche Region man schaut – sehr gegensätzliche Tendenzen erkennen. Während einige von Landflucht geplagte Kommunen mit Mühe darum kämpfen, überhaupt noch eine intakte Nahversorgung, geschweige denn einen Textil- oder Elektronikhandel aufrecht zu erhalten, sind die Nahversorger in Kommunen mit stabiler bis wachsenden Bevölkerung den Rückzug von den Fachmarktlagen und Autobahnausfahrten in die Zentren und Wohngebiete angetreten. Ihr Ziel ist die Nähe zum Kunden. Von der gestiegenen Frequenz im Umfeld der Lebensmittelhändler können wiederum auch Non-Food-Händler profitieren. Diesen Trend stärker zu fördern als bisher ist zugleich die größte Chance für kleinere Städte. Die Renaissance – oder Rettung – des kleinstädtischen Handels beginnt daher immer auch mit der Ansiedlung einer stabilen Nahversorgung, die die Bevölkerung für regelmäßig wiederkehrende Bedarfseinkäufe ins Zentrum zieht.

 

  1. Aber machen wir doch – aus reinem Erkenntnisinteresse natürlich – die Gegenprobe. Oder spitzer formuliert: Woran erkennen Kommunen, dass sie ihren Handel in Grund und Boden managen
     
  2. Verlagern Sie Handelsansiedlungen planerisch konsequent in die Randlagen und Gewerbegebiete Ihrer Kleinstadt und ersticken Sie Bestandshändler im Zentrum mit immer neuen Auflagen (z.B. für einen besseren Lärmschutz oder mehr Luftreinheit).
     
  3. Seien Sie möglichst unflexibel, vor allem beim Denkmalschutz oder Sondernutzungen. Auf keinen Fall mit sich reden lassen sollten Sie mit sich bei der Genehmigung von Sonderöffnungszeiten!
     
  4. Zwei Beine hat der Mensch, und die hat er zum Laufen. Machen Sie das Zentrum deshalb unerreichbar für den öffentlichen Personennahverkehr. Denken sie nicht einmal an Parkflächenausweitungen für motorisierte Kunden.
     
  5. Ihre Stadt oder Gemeinde ist schön und das soll auch so bleiben. Schränken Sie daher jede Form von störender Werbung im Stadtbild ein und schreiben Sie den Händlern vor, was sie in die Schaufenster stellen sollen. Das lenkt den Blick wieder auf die ansehnlicheren Seiten der Stadt.
     
  6. Sagen Sie sämtliche Feste, Märkte und sonstige Veranstaltungen ab, die Menschen ins Zentrum locken könnten. Das verursacht nur Lärm und Abfall in den Straßen, den jemand wieder weg machen muss.   


Jeder dieser Punkte gibt Hinweise darauf, wie sie den Handel in ihrer Mitte erhalten und stärken können. Gegen die gesellschaftlichen Veränderungen und Trends, denen sich der Handel stellen muss, helfen sie jedoch nicht weiter. Umwälzungen wie der digitale Wandel und neue Kundenansprüche sind gesellschaftliche Herausforderungen und es wäre fatal, die Städte und Gemeinden mit ihnen allein zu lassen.  

Umso erstaunlicher ist es, dass man überkommunale beziehungsweise landesweite Initiativen in weiten Teilen Deutschlands vergebens sucht. Ein Bundesland, das vieles anders machen will, ist Baden-Württemberg. Seine rund 46.000 oft mittelständischen Handelsunternehmen und die vergleichsweise wenig filialisierten Unternehmen machen das Bundesland besonders anfällig für den Transformationsdruck im Handel. Das Land kann daher gewissermaßen als Idealbeispiel dafür gesehen werden, wie kleinere Gemeinden und Unternehmen damit umgehen können, wenn Transformationsdruck auf die „heile“ Handelswelt trifft. Seit Juli 2018 ist das Wirtschaftsministerium im Rahmen des Projekts „Handel 2030“ in einen intensiven Dialog mit Händlern, deren Verbänden (Handelsverbände, Genossenschaftsverband) und weiteren (darunter den drei kommunalen) Spitzenverbänden und -organisationen getreten. Besonders erwähnenswert: Neben der Aussicht auf die finanzielle Förderung von kleinen Kommunen mit bis zu 50.000 Einwohnern bietet die „Digitalstrategie Handel 2030“ vor allem Beratungs- und Weiterbildungsangebote für die stationäre Händler und ihre Angestellten, damit diese die nötige Qualifizierung bekommen, um den „Wandel im Handel“ überhaupt erst mitzutragen. Begleitet werden die Maßnahmen von einer Nahversorgungsinitiative, die die Kleinstädte für den Lebensmittelhandel wieder interessanter machen und für Frequenz in den Zentren sorgen sollen.    

Trading Down und entleerte Innenstädte sind keine unumkehrbaren Phänomene. Der erste Schritt zu einer erfolgreichen Wiederbelebung des kleinstädtischen Handels ist eine schonungslose, problembezogene und interdisziplinäre Strukturanalyse. Das schließt die eigenen Fehler der Vergangenheit mit ein. Da Handel aber immer auch Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen ist, wird klar, dass die Probleme der Kommunen letztlich nicht von ihnen allein gelöst werden können, sondern im Miteinander angegangen werden müssen.
 

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Markus Wotruba

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