Gastronomische Konzepte im Handel: Allheilmittel gegen den Vormarsch von Amazon, Zalando & Co?

Gastronomische Angebote werde für den Handel immer wichtiger. Kein neues (oder neu positioniertes) Shopping-Center ohne ausgedehnten Food Court, kein Fachmarktzentrum ohne großflächigen Systemgastronomen. Der sichtbaren digitalen Transformation und Polarisierung des Einzelhandels steht damit die Gastronomie als ein „Rettungsanker“ des stationären Ladengeschäfts gegenüber.

Markus Wotruba, Leiter Standortforschung, BBE Handelsberatung: „Die Popularität der Handelsgastronomie erklärt sich letztlich vor allem daraus, dass Gastro nicht so einfach „amazonisiert“ werden kann, ein Modegeschäft von H&M oder Buchhandlung von Thalia aber schon.“ Außerdem steigern Gastronomen den Erlebnischarakter und damit die Verweildauer der Kunden im Umfeld der Händler.

Hinzu kommt der sozio-kulturelle Wandel: Unsere Gesellschaft ist mobiler und ruheloser geworden. Das verfügbare Einkommen der Deutschen wächst, gleichzeitig wohnen immer mehr Menschen in Single- oder Zwei-Personen-Haushalten – alles Voraussetzungen, die den Außer-Haus-Verzehr begünstigen. Berechnungen der BBE Handelsberatung zufolge wird der Umsatz mit dem Außer-Haus-Verzehr allein in Deutschland bis 2020 auf 59,5 Milliarden Euro wachsen. 2010 lag er noch bei 41,3 Milliarden Euro. Damit wächst die Handels- und Systemgastronomie schneller als alle Umsätze im gesamten stationären Einzelhandel zusammen.

Zeitgenössische Shopping-Center wie die jüngst unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit eröffnete East Side Mall im Herzen Berlins haben rund ein Fünftel ihrer Fläche für Gastronomie reserviert. Wotruba: „Sie profitieren vom Trend zur Reurbanisierung, der nicht nur die Bevölkerung, sondern auch viele Einzelhändler und Nahversorger erfasst hat. Die städtischen Kunden sind distanzsensibel und werden immer distanzsensibler. Daher ziehen nicht nur Lebensmittelmärkte wieder näher an die Wohnbevölkerung, sondern auch die (System-) Gastronomie verdichtet ihr Standortnetz und kommt in zentrale Lagen auch außerhalb der City. Es profitieren gut angebundene Einkaufs- und Stadtteilzentren.“ Es gilt das Motto: Hauptsache man ist möglichst nahe am Gast.

Ein Allheilmittel gegen den Vormarsch von Amazon, Zalando & Co. sind die „Gaumenfreuden“ jedoch nicht. Auch Angebote für den Außer-Haus-Verzehr wollen vorher gut positioniert sein. Wotruba: „Bleiben wir bei unserem Beispiel Berlin: Weil sich das Center im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg befindet, hat man sich dort beispielsweise besonders auf vegane Speisen im Angebot konzentriert, um ein Lifestyle-bewusstes junges Großstadtpublikum abzuholen.“ Vor allem die Innenstädte müssten heutzutage ein breites Angebot von Fast Food bis anspruchsvoller Full Service Gastronomie bieten, um tatsächlich als Kundenmagnete zu funktionieren. Hinzu komme, so Wotruba weiter, „dass Investoren, Betreiber und Entwickler von Handelsimmobilien die Ansprüche ihrer gastronomischen Mieter oftmals noch nicht richtig verstehen“. Großflächige System- und Erlebnisgastronomen etwa wollen meist so unabhängig wie möglich von der externen Infrastruktur agieren können, weil sie frische Lebensmittel benötigen und somit zu anderen Tageszeiten und Wochentagen beliefert werden müssen als Modegeschäfte oder Buchhandlungen. Hinzu kommt, dass viele dieser Anbieter sieben Tage in der Woche geöffnet haben, wenn andere Mieter ihre Tore längst geschlossen haben. Das Problem: Viele Shopping-Center und Fachmarktzentren verfügen aber nur über eine einzige Anlieferungszone und wenige Haupteingänge, die sich alle Mieter teilen müssen. Wotruba: „Wäre es dann nicht sinnvoll, eigene Kundenzugänge und Lieferzonen für die Gastronomie zu schaffen, sodass auch am Sonntag weiterhin Umsatz mit Food generiert werden kann?“ Sicher ist vor allem, dass hierzu in der Immobilienwirtschaft noch sehr viel Aufklärungsbedarf herrscht.

Mehr zum Thema erfahren Sie auch auf dem Handels-Dialog Bayern am 17. Januar 2019.

Quelle: ILG Gruppe, Statista

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