Eigeninitiative statt Selbstaufgabe: Wie sehen Handelsstandorte der Zukunft aus?

Der Einzelhandel war schon immer ein Spiegelbild gesellschaftlichen Wandels. Als im vorletzten Jahrhundert die ersten filialisierten Supermärkte entstanden, galten sie als Totengräber der selbstständigen Lebensmittelhändler und klassischen Wochenmärkte. Fast zur gleichen Zeit setzten die neu aufkommenden Warenhäuser – für damalige Verhältnisse regelrechte „Konsumtempel“ – kleinen Kaufleuten in den Einkaufsstraßen zu.

Die Folgen dieser Disruption prägen die Einzelhandelsstrukturen unsere Städte bis heute. Zumindest noch. Markus Wotruba, Leiter Standortforschung, BBE Handelsberatung: „Seit der Massenverbreitung des Internets – zuerst am Computer, dann auch mobil auf dem Smartphone – verändert der Online-Handel nicht nur unsere Städte. Im gleichen Atemzug wird auch unsere alltägliche Lebensweise sowie unser Informations- und Mobilitätsverhalten weitaus tiefgreifender als jede Innovation zuvor verändert.“

Und die Digitalisierungswelle rollt immer schneller: In den USA etwa liefert Amazon den Einkauf in 37 Regionen nicht mehr nur bis an die Haustür, sondern – dank eines digitalen „Hausschlüssels“ für den Boten – auch bis in die Wohnung. Wortuba: „Natürlich nur, falls Sie einmal nicht zuhause sein sollten, wenn der Paketbote klingelt. In Berlin testen DHL und Volkswagen einen Service, mit dem sich Pakete nicht nur zur Haustür, sondern in den Kofferraum des eigenen Autos liefern lassen. Letzteres wird zu einer mobilen Paketannahmestation umfunktioniert, die den Kunden überall hin folgt, wo er auch ist.“ Liefer- und Mobilitätskonzepte wie diese sind eine Kampfansage an den klassischen stationären Handel. Die Verkaufsflächen, das scheint sicher, werden daher in Zukunft weiter zurückgehen.

Wer jedoch an ein baldiges Ende des Ladengeschäfts glaubt, greift zu kurz. Noch immer ist der Umsatzanteil des stationären Handels in allen Einzelhandelsbranchen größer als der des Online-Handels. Das haben laut Wotruba auch einstige Online-Pure-Player wie Amazon und Zalando erkannt und eröffnen ihrerseits stationäre Geschäfte. „Ausgerechnet Amazon, das sein Geschäft einst mit dem Verkauf von Büchern im Internet begann, testet mit Amazon Books eine eigene stationäre Marke für den stationären Vertrieb im – natürlich digital voll vernetzten – Laden.“ Das Geschäft mit der Auslieferung von Lebensmitteln komplementierte der Internet-Gigant jüngst mit dem Zukauf der amerikanischen Biosupermarktkette Whole Foods, die zumindest in amerikanischen Metropolen nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken ist.

Der Vorteil des Internets ist und war zudem schon immer seine demokratisierende Wirkung auf den Einzelhandel. Alte Wettbewerbsstrukturen werden durch ihn aufgebrochen, gleichzeitig muss ein neuer Online-Händler heutzutage kein Großkonzern mehr sein, um mit den Großen mithalten zu können. Handel im Internet kann heute nahezu jeder. Eine Auslieferung bis an die Haustür und das noch am gleichen Tag? Was Amazon bisher nur in Berlin oder München schafft, können auch andere leisten. Der beste Beweis ist laut Wotruba  Greenbooks, ein von Schülern gegründeter Versanddienstleister in Tübingen, der Bücher der Osiander-Buchhandlung an Kunden bis in die umliegenden Gemeinden ausliefert – versandkostenfrei, umweltfreundlich per Fahrrad, und selbstverständlich auch während der Abiturprüfungen. Wotruba: „Warum also gibt es solche Modelle wie diese nicht auch in anderen Kommunen? Warum warten so viele Händler in Deutschland darauf, dass Amazon endlich auch in ihrer Stadt eine Same-Day-Delivery anbietet, statt diesen Markt einfach selbst abzudecken?“ Noch immer werde das Internet von vielen stationären Händlern zu Unrecht verteufelt, als gäbe es eine Mauer zwischen digitaler und analoger Einkaufswelt. Dabei böten sich ihnen durchaus Möglichkeiten, die Errungenschaften der Digitalisierung auch für das eigene Ladengeschäft zu nutzen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die flächendeckende Versorgung von Kunden mit kostenlosem WLAN. Viele stationäre Einzelhändler verpassen die Chance, ihre Kunden länger im Geschäft zu halten. Schließlich gehört das mobile Surfen für immer mehr Verbraucher zum ganz normalen Einkaufserlebnis. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, den Verkauf im Laden durch Multi-Channel-Ansätze ergänzen zu können: Der Kunde sieht eine Ware im Schaufenster, bezahlt sie per Smartphone „on the go“ und muss sie sich nur noch abholen. Stattdessen verfügen sowohl der filialisierte als auch der nicht-filialisierte Einzelhandel oft nur über kleinteilige „Inselabdeckungen“ – jedes Geschäft betreibt sein eigenes WLAN. Von einer hohen Aufenthaltsqualität, für die der Kunde gerne wiederkommt, kann hier keine Rede sein. Statt selbst aktiv zu werden, überlassen Städte wie Rostock, Lübeck oder Hamburg den Betrieb von Hotspots lieber Drittanbietern - oft Internet-Riesen wie eBay. Immer mehr Kommunen und Händlern droht somit die Hoheit über Teile der Infrastruktur verlorenzugehen. Ohne Hintergedanken ist das Angebot von eBay und Co. zudem nicht: Über eBay Plus sammelt das US-amerikanische Unternehmen nicht nur Daten der Käufer, sondern bietet Letzteren einen kostenlosen Premium- und Rückversand an. Warum also nicht das eben im Laden gesehene Produkt einfach bei eBay kaufen und sich nach Hause liefern lassen? Dabei stehen stationären Händler und Kommunen bereits gut funktionierende Lösungen zur Verfügung – ganz ohne die Mithilfe (amerikanischer) Internetkonzerne. Wotruba: „Handel ist Wandel. Selten zuvor war an dieser Weisheit so viel Wahres dran. Und schon immer waren die Verlierer des Wandels diejenigen unter den Einzelhändlern, die weder Ideen noch Eigeninitiative hatten.“

Die BBE Handelsberatung und das Institut für Handelsforschung wurden vom Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung des Landes Mecklenburg-Vorpommern in Kooperation mit dem Handelsverband Nord, der IHK zu Rostock und der IHK zu Schwerin sowie dem Ostdeutschen Sparkassenverband Anfang 2018 mit einer Studie mit dem Titel "Bedeutung der Digitalisierung für die Entwicklung der Einzelhandels- und Versorgungsstruktur in Mecklenburg-Vorpommern" beauftragt. Diese soll aufzeigen, wie sich das Einkaufsverhalten der Haushalte in Mecklenburg-Vorpommern entwickelt und welche Auswirkungen dies auf die Standortnachfrage in den Städten und Gemeinden hat. Es sollen erstmals fundierte Daten zu diesem Themenkomplex gezielt für Mecklenburg-Vorpommern erhoben werden – auch um einen Vergleich zum Bundesdurchschnitt ziehen zu können. Erste Ergebnisse werden im vierten Quartal 2018 erwartet.

Markus Wotruba auf der Handelsfachtagung MV 2018.

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