„Es gibt genug Konzepte, die Mut machen.“

Eine der Folgen der Coronakrise ist: Die Versäumnisse in der Einzelhandelsbranche wurden deutlich, der Veränderungsdruck hat sich erhöht. „Aber wir dürfen jetzt nicht hysterisch werden. Vielmehr ist eine sorgfältige Analyse geboten. Es gibt genug neue Konzepte von kreativen Händlern, die Mut machen“, war die Botschaft von Joachim Stumpf, Geschäftsführer von BBE Handelsberatung und IPH Handelsimmobilien, auf dem 12. Münchner Handelsimmobilientag, den der Verbund wieder gemeinsam mit dem Hochschulbund Nürtingen-Geislingen ausrichtete.

Nach einem Jahr coronabedingter Zwangspause waren am 19. Oktober 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ins Schlosscafé im Palmenhaus vom Nymphenburger Schloss gekommen. Es lagen sogar viel mehr Anmeldungen vor – aber die Coronarestriktionen der Stadt München setzten ein Limit.


Innenstädte werden sich erheblich verändern

Umso mehr genossen alle eine der ersten Präsenzveranstaltungen seit fast zwei Jahren, auch wenn die umgesetzte 3-G-Regel eine neue Begleiterscheinung war. „Transformation auf Stadt- und Projektebene – wie kann der Branchenmix neugestaltet werden?“ war das Kongressthema. Denn alle Handelsakteure beschäftigt eine Frage: Wie werden sich Städte verändern? Die Antwort: erheblich. „Wir müssen uns jetzt mit der konkreten Nachfrage auch außerhalb des Handels beschäftigen“, mahnt Joachim Stumpf. „Es geht um die Bedürfnisse der Bevölkerung in ihren Einzugsgebieten.“ Und diese betreffen immer weniger den stationären Einzelhandel, stattdessen Coworking, Kindergärten, Gesundheits-, Freizeit-, Bildungs-, Kultur und neue Wohnangebote.  

Und es geht auch um neue Shoppingkonzepte, wie etwa das des Elektroautoherstellers e.Go, der Markt der Hörgeräteakustiker boomt, und es gibt schon 25 stationäre Läden von mymoria, einem Berliner Unternehmen, bei dem man bisher nur online Bestattungen buchen konnte.

Wohnquartiere sollen mehr Aufenthaltsqualität bieten

Die Bedürfnisse der Menschen beziehen sich auch auf eine neue Form von Leben und Arbeiten. „Das Wohnen ist noch wichtiger geworden, als es schon war“, war die Botschaft von Katja Meqdam, Senior Consultant Standortberatung bei BBE Handelsberatung, die zusammen mit Markus Wotruba (BPD Immobilienentwicklung) eine Studie darüber präsentierte, wie sich Menschen eine optimale Wohnsiedlung im Hinblick auf Nahversorgung vorstellen. Denn diese muss in Zukunft nachhaltig, kanalübergreifend, digital, omnipräsent, dezentral und auf den jeweiligen Standort zugeschnitten sein. Aber: „Gastronomie ist für viele Menschen wichtiger als die Nahversorgung. Der Wunsch nach Aufenthaltsqualität ist groß, gefragt sind deswegen Flächen und Räume für Veranstaltungen“, betonte Katja Meqdam.

 

Doch angesichts des Veränderungsdrucks seitens der Gesellschaft beklagt die Handelsbranche, dass ihre Veränderungsbereitschaft von behördlichen Vorgaben erschwert wird, etwa beim Thema Nutzungsänderung. „Warum brauche ich eine Baugenehmigung, wenn ich ein Textilgeschäft durch einen Gastronomiebetrieb ersetzen will?“, lautete die rhetorische Frage von Iris Schöberl, Managing Director bei BMO Real Estate Partners Germany.

Die Innenstadt-Besucherzahlen sind immer noch vergleichsweise niedrig

Die Antwort von Ingrid Simet, Ministerialdirigentin im Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr: „Nutzungsmischung birgt auch Konflikte. Städte und Kommunen müssen daher wissen, was Sie sich vorstellen. Dann ist zu prüfen, ob das umzusetzen ist. Ich glaube, in der Coronazeit ist schon viel in Gang gesetzt worden. Städte haben jetzt ein hohes Interesse, Gas zu geben.“

Doch für Händler ist das Tempo der Veränderung noch zu niedrig. „In den besten Zeiten sind pro Stunde 17.400 Menschen an unseren Schaufenstern vorbeigegangen. Von diesen Frequenzzahlen sind wir noch weit entfernt“, klagt David Thomas, Bereichsleiter im Münchner Traditionsherrenausstatter Hirmer. „Uns fehlen internationale Großveranstaltungen sowie Städtetouristen.“

Thomas fordert Händler auf, sich deutlich mehr auf die Kunden zu fokussieren, denn diese haben neue Einkaufsgewohnheiten. Dank Homeoffice ist etwa der Bedarf an Business-Bekleidung zurückgegangen. Aber Thomas will auch mehr Leben in den Innenstädten, etwa durch Konzerte, Drohnenshows, Feuerwerk zu Weihnachten, zudem fordert er mehr Flexibilität, um an den Sonntagen Veranstaltungen anbieten zu können.
 

Lebensmittel beim Herrenausstatter Hirmer

Für sein Haus überlegt er sich jedenfalls neue Konzepte, und das betrifft sogar den Lebensmittelhandel. Thomas kann sich vorstellen, dass bei Hirmer ein lokaler Markt einzieht, „entweder als Pop-up oder sogar dauerhaft“.

Wenn selbst so ein traditionelles Geschäft über einen Nutzungsmix nachdenkt, dann muss das als Botschaft für die Branche gewertet werden. Für Joachim Stumpf ist Mixed-Use eine Säule für veränderte Innenstädte und Quartiere. „Es darf hierbei keine Denkverbote geben.“

In diesem Sinne hat der 12. Münchner Handelsimmobilientag viele Anstöße gegeben. Dafür haben viele starke Beiträge von namhaften Unternehmen wie Aldi, Rewe, aber auch herausragende Mittelständler wie Frey (Cham) gesorgt. Innovative Betriebsformen wie von Vaund sorgen ebenso für einen lebendigen Kongress wie die Präsentation von Marian von Mitschke-Collande und seinem hochwertigen Münchner Gebäudeensemble DER Bogen wie die kluge und Weg weisende Quartiersentwicklung in Pfaffenhofen an der Ilm.  

Der Einzelhandelsbranche gehen die Ideen nicht aus!

Am Ende des M'HIT wollten wir hinter den Kulissen wissen:

1. Was nehmen Sie mit vom MHIT? Wie ist Ihr persönliches Fazit?
2. Wie ist Ihre Prognose für den Einzelhandel 2022?

Das fragten wir:

  • Iris Schöberl, Managing Director, BMO Real Estate Partners Germany
  • Jan Polland, Direktor, Münchner Hypothekenbank eG
  • Marian von Mitschke-Collande, Geschäftsführer, DER bogen GmbH Co KG
  • Helmut Hagner, CEO der Unternehmensgruppe Frey
  • Joachim Stumpf, Geschäftsführer BBE Handelsberatung und IPH Handelsimmobilien

Was genau sie geantwortet haben, hören und sehen Sie in diesem Video:

Ansprechpartner

Timm Jehne

Teamleiter Standort und Immobilie München
Brienner Str. 45,
80333 München

Joachim Stumpf

Geschäftsführer
Brienner Str. 45,
80333 München