Wenn Routine zum Erlebnis wird: Die Entwicklung der Nahversorgung

Der Blick auf die deutschen Nahversorger ist zweigeteilt. Die gute Nachricht: Den Lebensmittelhändlern geht es gut. Die Konsumstimmung der Deutschen ist so positiv wie seit Jahren nicht mehr: Während der gesamte Einzelhandel laut HDE seinen Umsatz zwischen 2000 und 2016 nominal um 12,8 Prozent erhöhen konnte, wuchs er im Nahrungs- und Genussmittelbereich mit 36,4 Prozent ungleich schneller.

Aber: Obwohl den Lebensmittelhändlern im vergangenen Jahr „nur“ 0,8 Prozent der Umsätze (Quelle: BBE Handelsberatung/ IFH Köln) über das Internet zuflossen, wächst auch dort die Furcht vor den Expansionsplänen von Online-Händlern wie z.B. Primus Amazon Fresh. Markus Wotruba, Leiter Standortforschung, BBE Handelsberatung: „Der Innovationsdruck auf die stationären Händler ist in der Folge spürbar gestiegen. Längst ist Platzhirschen wie Rewe, Aldi oder Lidl klargeworden, dass ihre altbewährten Rezepte mit Billigangeboten (Discounter) oder einer großen Auswahl (Vollsortimenter) nicht mehr allen schmecken. Gesucht werden neue Ideen, um weiterhin Wachstum generieren zu können.“

Zwei Trends stechen besonders hervor: Zum einen treten immer mehr stationäre Händler wie Rewe oder Edeka selbst den langen Marsch ins Internet an und versuchen mit „Pure Playern“ wie Amazon Fresh mitzuwachsen. Zum anderen erproben die Filialisten innovative Verkaufskonzepte und wandern mithilfe neuer Flächenformate von den Randlagen in die Stadtzentren, um auf das veränderte Einkaufs- und Mobilitätsverhalten der Kunden zu reagieren. Wotruba: „Statt des wöchentlichen Gangs in den großflächigen Supermarkt suchen diese immer häufiger nach Angeboten, um frische Nahrungsmittel jederzeit flexibel unterwegs einkaufen zu können.

Für die Händler bedeutet das, näher am Kunden sein zu müssen, als es früher der Fall war.“ Gefragt sind Frische und Convenience mit besonderen Sortimenten wie regionalen, laktosefreien oder glutenfreien Artikeln – und das am besten immer und überall. Die Folge ist eine „Reurbanisierung“ der Lebensmittelfilialisten und Repositionierung des bisherigen Lebensmittelmarkts. Wotruba: „Einige Händler haben bereits gezielt neue, passgenaue Konzepte für die Innenstädte entwickelt.“ Rewe beispielsweise testet unter den Marken „ReweCity“ und „Rewe to go“, Netto wiederum mit „Netto City“ und „Mein Markt“ neue Verkaufsformate. Edeka wartet nach der Übernahme von Tengelmann mit „Edeka Xpress“ und Verkaufsflächen unter 600 Quadratmetern auf.

Hellere Filialen mit breiteren Gängen, unbehandelten Holzelementen und einladendem Eingangsbereich sollen das Wohlgefühl der Kunden steigern und den täglichen Einkauf zu einem Erlebnis mit modernem Lifestylecharakter machen. Wotruba: „Hierfür wird gerne auch die Warenabfolge geändert, beispielsweise indem die Obst- und Gemüseabteilung von den vorderen Bereichen in Nachbarschaft zu den Kassen in den hinteren Teil der Filiale wandert. Damit soll den Kunden die Möglichkeit gegeben werden, jene Frischeartikel, die sie für das tägliche Kochen daheim benötigen, mit mehr Ruhe auswählen zu können.“ In den vorderen Kassenbereichen war das bisher kaum möglich, gerade in den Stoßzeiten, wenn sich die Kunden an den Kassen drängeln.

Hinzu kommen Erlebnisangebote etwa aus dem Gastronomiebereich. In der Münchner Maxvorstadt zog 2016 erstmals ein Starbucks Coffee House in eine Rewe-Filiale ein. Der Test wurde mittlerweile auch auf Filialen in Berlin und Frankfurt am Main ausgeweitet und dauert noch bis Ende dieses Jahres. Ein anderer Vorbote dieser Entwicklung ist das Format „friedel markt & restaurant“ von Globus: Für den stationären Verkauf in der Filiale steht nur rund die Hälfte der rund 800 Quadratmeter großen Läden zur Verfügung. Gerade genug für den schnellen Basis-Einkauf mit frischen Lebensmitteln. Die restliche Fläche wird mit einem Restaurant samt Showküche belegt – ein Prinzip, das schon von selbstständigen Kaufleuten von Edeka und Rewe erfolgreich getestet wurde. Das Basis-Angebot mit Frischwaren wird beispielsweise im Rewe-Markt in den Münchner Fünf Höfen ergänzt, indem gekühlte Schließfächer als Abholstation für das breitere Online-Sortiment dienen. Wotruba: „Noch bleibt abzuwarten, ob Neuerungen wie diese in Deutschland auch in der Breite eine Zukunft haben werden.“

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