Run auf die City: Und ewig lockt die Innenstadt

Immer aggressiver eröffnen die Expansionisten im Lebensmittelhandel ihre Märkte an Standorten, wo man sie früher nicht erwartet hätte. Kaum sichert sich Rewe eine begehrte Lage am Bahnhof, kontert Edeka nur eine Straße weiter mit einem eigenen Angebot und Lidl zieht nur Wochen später gleich gegenüber ein.

Das zeigt, dass der im Jahr 2008 eingeläutete Run des Lebensmittelhandels auf die City in die zweite Runde geht. Damals stellte die Rewe Group erstmals ein Konzept für eine City-Filiale neuen Bautyps vor, andere Händler zogen bald nach. Die Folgen für die Innenstädte sind überall erkennbar: Wo niemand eine geeignete Fläche vermutet hätte – in Wohn- und Bürohäusern, aber auch auf Geschäftsstraßen, wo früher ein Friseur oder Optiker saß – tauchen plötzlich Lebensmittelmärkte mit neuen, stark verkleinerten Flächenkonzepten auf.

Zwar gab es in den Innenstädten schon zuvor vereinzelt kleinflächige Lebensmittelmärkte, sogar Discounter. In Städten wie München oder Berlin ist der Wettlauf ins Zentrum allerdings schon so weit fortgeschritten, dass die Ladendichte mittlerweile sogar wächst, je zentraler sich der Stadtteil befindet. Markus Wotruba, Leiter Standortforschung, BBE Handelsberatung: „Nehmen wir das Beispiel München, genauer gesagt den Schauplatz Karlstraße, eine gehobene Wohn- und Geschäftsstraße am Rande der Altstadt. Wie mit einem Blick durch das Mikroskop lässt sich hier im Kleinen beobachten, was derzeit auch in anderen größeren Städten passiert.“

Ende vergangenen Jahres hat die Discounter-Kette Penny dort einen neuen Markt in fußläufiger Entfernung von einer Edeka-Filiale eröffnet. Wotruba. „Soweit nichts Ungewöhnliches, möchte man denken. Paarungen von Discountern mit Supermärkten traten in der Vergangenheit häufiger auf.“ Die Positionierungen beider Betriebstypen waren schließlich klar gesteckt. Versuchten Discounter mit günstigen Angeboten und einem fokussierten Sortiment zu punkten, konnten sich Supermärkte mit Produktvielfalt, Qualitätsmarken und einem großen Frische-Angebot deutlich von der Discounter-Konkurrenz abgrenzen – eine Symbiose, von der auch der Kunde profitierte. Auf dem zweiten Blick zeigen sich in der Karlstraße jedoch interessante Neuheiten.

Zum einen „zwängt“ sich der Penny-Markt mit gerade einmal 290 Quadratmetern Verkaufsfläche und einem untypischen Grundriss in das Erdgeschoss eines Neubaus, der eine eingeschossige Immobilie in einer äußerst schmalen Baulücke ersetzt. Wotruba: „Selbst die letzten Verfechter großer Verkaufsflächen gehen nun in die City-Lagen und ziehen dafür in die kleinsten Baulücken. Die Flächen werden entsprechend immer kleiner – um nicht zu sagen winzig – zumal für einen Discounter heutzutage normalerweise mindestens 1.000 qm aufgerufen werden.“ Selbst progressiven Marktteilnehmern galten 400 qm bis vor Kurzem noch als absolute Untergrenze. Neuere Verkaufskonzepte scheinen jedoch selbst diese Grenze zu unterbieten.

Zum anderen hat sowohl der Markt von Penny als auch der von Edeka sein Sortiment den Ansprüchen ihres Großstadt-Klientels angepasst: Konzepte, die unter den neuen Marken „Penny to go“ beziehungsweise „Edeka Xpress“ umgesetzt werden. Die Alleinstellungsmerkmale von früher gehen dadurch teilweise verloren. Eine Frische-Theke und abgepackte Snacks zum Mitnehmen, preiswerte Handelsmarken neben namenhaften Markenartikeln? Gibt es mittlerweile bei beiden. Die klassische Symbiose zwischen Discountern und Supermärkten – bei der Standortwahl scheint sie keine Rolle zu spielen. Vielmehr wählen Wettbewerber Innenstadtlagen selbst dann, wenn diese durch die Nähe zum Kunden einen auch noch so kleinen Wettbewerbsvorteil bietet.

Wer den Wettlauf der Lebensmittelhändler in die letzten Baulücken der Innenstädte verstehen will, muss sich den Transformationsdruck vergegenwärtigen, der seit einigen Jahren auf der Branche lastet. Seit etwa zehn Jahren beobachten Lebensmittelhändler wieder eine Verlagerung ihrer Umsätze von den Fachmarktlagen in die hochverdichteten Zentren der großen und mittleren Städte – eine Folge der anhaltenden demografischen Wanderung in urbane Räume, aber auch weicherer Faktoren wie dem Bedeutungsverlust eines eigenen Autos gerade bei jüngeren Menschen. Kunden, die einst bereit waren, am Wochenende mit dem Pkw zum Großeinkauf an die Stadtränder zu fahren, lassen sich dort immer seltener blicken.

Zum anderen reagieren die Händler mit ihren veränderten Standortansprüchen auf die herannahende „Amazonisierung“ ihrer Branche. Denn obwohl sich der Online-Handel mit Lebensmitteln noch immer schwertut – der Umsatz der digitalen Supermärkte stieg im vergangenen Jahr um vergleichsweise geringe 1,5 Prozent – wächst selbst unter Größen wie Rewe, Edeka oder Lidl die Furcht vor den Expansionsgelüsten der Internet-Lieferdienste. Wotruba: „Hinzu kommt, dass den Filialisten längst klargeworden ist, dass der Online-Handel den Kunden nicht einfach nur einen alternativen Vertriebskanal zum stationären Handel bietet. Einige von ihnen haben sich ohnehin bereits mit eigenen Online-Angeboten positioniert.“ Vielmehr hat der Trend zum bequemen Bestellen über das Internet dazu geführt, dass sich die Einkaufsgewohnheiten und -ansprüche der Kunden grundlegend verändern: Der Gang in den großflächigen Supermarkt mit seinen langen Warteschlangen an der Kasse gilt vielen Menschen als nicht mehr zeitgemäß, viele Großstädter stellen sich ihren Einkauf mittlerweile anders vor. Für die Händler bedeutet das, mit immer kleineren und flexibleren Konzepten näher am urbanen Kunden sein zu müssen, als es früher der Fall war. Gefragt sind Frische- und Convenience-Produkte für den schnellen Außer-Haus-Verzehr sowie besondere Sortimente mit regionalen, lactosefreien oder glutenfreien Artikeln – und das am besten immer und überall.

Die Marktakteure in den Innenstädten sollten die Innovationsfreudigkeit der Lebensmittel-Filialisten sehr gut im Auge behalten. Wotruba: „Für sie ergeben sich spannende neue Chancen. Da wären zum einen Immobilieneigentümer und -entwickler, die von einer neuen, vergleichsweise online-resistenten Mietergruppe aus dem Einzelhandel profitieren.“

Das gilt umso mehr, da der E-Commerce andere klassische Mieter wie Textilisten oder Buchhändler immer mehr unter Druck setzt. Ganz ohne Nebenwirkungen sind die neuen Mieter jedoch nicht, da mit den teilweise sehr speziellen Flächenkonzepten der Nahversorger auch die Anforderungen an die Immobilie wachsen. Das Vermietungsmanagement muss sich daher etwa Umbauten gegenüber flexibel zeigen, wenn es eine langfristige Mietertreue erreichen will. Profitieren würden jedoch auch zentrale Einkaufsstraßen insgesamt, sind Lebensmittelhändler doch ideale Frequenzbringer. Wotruba: „Anders als Händler aus dem Non-Food-Bereich wie Optiker oder Buchhändler werden Lebensmittelhändler von den Kunden gerne auch mehrmals in der Woche aufgesucht und sorgen so für mehr Laufkundschaft in der näheren Umgebung.“

Ansprechpartner:
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