Politikum Fußgängerzone: Chancen und Risiken für Handel und Immobilieneigentürmer

In Deutschland gibt es seit den 1970er Jahren Fußgängerzonen, die sich mittlerweile einer großen Beliebtheit bei den ansässigen Einzelhändlern und den Innenstadtbesuchern erfreuen. Doch warum wird über jedes neue Stück Fußgängerzone erneut erbittert gestritten?

Die Münchner Fußgängerzone im Abschnitt zwischen Neuhauser und Kaufinger Straße gilt als die erste Fußgängerzone Deutschlands.  Im Jahr 1966 vom Münchner Stadtrat beschlossen, wurde sie zu den Olympischen Spielen von 1972 eröffnet. Markus Wotruba, Leiter Standortforschung, BBE Handelsberatung: „Damals war die Maßnahme nicht unumstritten. Die ansässigen Händler fürchteten um ihren Umsatz, die Kunden hatten Angst die Geschäfte nicht mehr erreichen zu können und selbst bei vielen Befürwortern verursachte die Breite der nun von Fahrzeugen befreiten Straße Unbehagen.“ Mangels genügend Passanten würde eine derart breite Straße niemals belebt wirken, so die Befürchtung damals. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass die Passantenfrequenzen schon wochentags oft die Schmerzgrenze erreichen: Nicht wenige Kunden meiden die Münchner Fußgängerzone heute nicht wegen einer unangenehmen Leere, sondern wegen Überfüllung. Die Händler freuen sich über gute Umsätze und die Kunden genießen – sofern gerade keine Überfüllung droht – das entspannte Flanieren.

In vielen Städten ist die Fußgängerzone nicht mehr wegzudenken. Ist es aber sinnvoll noch neue Fußgängerzonen auszuweisen? Der Online-Handel und die auf diesen zurückgeführten Frequenzverluste in den Innenstädten lassen viele grübeln. Wotruba: „In kleineren Städten hat die Verkehrsberuhigung durch eine Umgehungsstraße auch ohne Fußgängerzone bereits zur Verödung der Ortsmitte beigetragen.“ Erste Orte – vor allem in NRW – öffnen daher ihre Fußgängerzone – zuerst für Radfahrer (so z.B. Billerbeck im Landkreis Coesfeld, Herten im Landkreis Recklinghausen oder Hennef im Rhein-Sieg-Kreis), dann ganz oder in Teilbereichen auch für PKW (Remscheid, Hemer, Herne). Die Lokalpresse berichtet, dass ein Erfolg der Maßnahme oft ausblieb.  

Auch Experten sehen die Möglichkeiten zur Ausweitung oder Neueinrichtung einer Fußgängerzone in kleineren Städten sehr kritisch. In den Metropolen, vor allem in Hamburg (z.B. Hafencity, Altona)  und München (Sendlinger Straße), schien die Stimmung in den letzten Jahren jedoch ins Positive zu drehen. Wotruba: „Ansässige Händler und befragte Passanten unterstützten die Idee. Die Umgestaltung eines Teiles der Sendlinger Straße zwischen Roßmarkt und Hackenstraße in München zur Fußgängerzone wurde gefeiert.“ Im Sommer 2016 wurde mit der auf eine Jahr befristeten probeweisen Umwidmung des restlichen Teils der Sendlinger Straße (zwischen Hackenstraße und Sendlinger Tor) ein „Verkehrsversuch“ gestartet. Leider war die Euphorie von kurzer Dauer: Schon bald häuften sich die negativen Berichte in der Lokalpresse. Die Münchner „tz“ schrieb von der „Frustgängerzone Sendlinger Straße“. Vor allem die Händler meldeten sich zu Wort. Wotruba: „Zwar gab es wenig Klagen über Umsatzrückgänge. Es überwog jedoch die Sorge, dass die Mieten bald noch weiter steigen werden.“ Die Sendlinger Straße befindet sich seit Jahrzehnten – ganz unabhängig also vom Thema Fußgängerzone – in einem sehr dynamischen Prozess der Filialisierung. Nur wenige der alteingesessenen Geschäfte sind noch erhalten. Immer wieder muss ein Laden wegen einer Mieterhöhung schließen. Viele der Ladenbetreiber sind allerdings in einem fortgeschrittenen Alter und oft ist kein Nachfolger in Sicht, der einen ordentlichen Betriebsübergang gewährleisten könnte. Wotruba: „Paradoxerweise scheint die Angst der Händler vor dem Hintergrund der befürchteten Mietpreisentwicklung also nicht darin zu bestehen, dass die Fußgängerzone Sendlinger Straße floppen könnte.“ Im Gegenteil: Die Händler fürchten  offenbar den Erfolg des Verkehrsversuchs.

Eine Befragung von Innenstadtbesuchern am Karlsplatz (Stachus), Odeonsplatz, Sendlinger Tor und in der Kaufingerstraße durch die BBE Handelsberatung ergab: 38 Prozent der Befragten wusste nichts von der neuen Situation. Die besser Informierten (Befragte ab 40 Jahren mit mittlerem Einkommen und Wohnsitz im Stadtgebiet) beobachteten, wie der Großteil der Flaneure nach wie vor den Gehsteig nutzte und die nun verwaiste Fahrbahn mied. Wotruba: „Auch in einer Stadt mit bald 1,7 Millionen Einwohnern ist die Einführung einer Fußgängerzone ohne eine intuitiv erfassbare Gestaltung des Straßenraums offenbar eine holprige Angelegenheit.“ Von den befragten Innenstadtbesuchern (das sind die potenziellen Kunden des lokalen Einzelhandels, auf die es vor allem ankommen müsste), die von der Fußgängerzone Sendlinger Straße wussten, sahen 93 Prozent die Maßnahme positiv.

Angesichts der branchenübergreifend seit Jahrzehnten diskutierten Entwicklung zu immer mehr „Erlebnisorientierung der Kunden“, bundesweit steigender Umsätze in der Gastronomie (die sich vortrefflich in einer Fußgängerzone ansiedeln lässt) und den erkannten gestiegenen Anforderungen der Kunden an die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum muss das Fazit zu Fußgängerzonen lauten: Am richtigen Ort gerne mehr davon - am besten durch entsprechende Umgestaltung des Straßenraums intuitiv erlebbar gemacht. Wo dies – wie beim temporären Verkehrsversuch in München – nicht geht, sollte der Handel ein Interesse haben, die Maßnahme kommunikativ zu begleiten. In kleineren Orten kann die Öffnung der Fußgängerzone für den PKW-Verkehr im Einzelfall sinnvoll sein. Vor dem Hintergrund der durch die Digitalisierung verringerten Passantenfrequenzen, der sinkenden Autoaffinität jüngerer Menschen und der bevorstehenden Einführung autonom fahrender (und autonom parkender, vielleicht aber auch einfach „geteilter“) Autos immer mehr Parkplätze zu fordern, ist sicher nicht zielführend. Wotruba: „Wenn die Einzelhändler die Erweiterung einer Fußgängerzone gar aufgrund steigender Passantenfrequenzen und infolge steigender Mieten ablehnen, dann läuft aus Sicht des Standortes Innenstadt vielleicht etwas grundlegend falsch.“

Ansprechpartner:
Markus Wotruba

BBE Handelsberatung München
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